Mila laufen die Schweißperlen von der Stirn. Ihr kleines Mauseherz schlägt wie wild. Wie konnten sie und ihre Freundin, die Milchkuh Thea, das nur übersehen? Dieses eine wichtige Detail, mit dem ihr ganzer Plan, ihre wochenlange Vorbereitung steht oder fällt:
Theas Boxkampf.
Boxershorts und Boxhorn
Die Maus sitzt auf einer Holzbank in der Umkleidekabine einer Sporthalle. Die Bank ist so alt, dass in der Mitte bereits eine Holzlatte fehlt. Das Mäuschen sitzt mit geknickten Ohren an der Kante und lässt die Füßchen baumeln. Aus der Turnhalle schallt der Lärm von hunderten Zuschauern in die Umkleide.
„So ein Käse aber auch!“, ruft Mila verärgert. „Oberkäse!“, stimmt Thea ihrer Freundin zu. Die Kuh schlürft zu einem der Umkleideschränke und öffnet die Tür. Ein langes wehleidiges Quietschen ertönt. Sogar der Schrank hat Mitleid mit den Beiden. Thea streift zwei Boxhandschuhe von ihren Vorderhufen und legt sie hinein. Und auch die extra angefertigte Boxershorts legt sie in den Schrank. Ihr müsst wissen, Kühe benötigen für den Boxsport eine Hose mit Loch am Po, damit der Kuhschwanz durchpasst. Die gibt es aber nur in ausgewählten Tiersportgeschäften zu kaufen. Und weil jede Kuh anders ist, ist auch jede Hose ein Unikat. Diese spezielle Hose gibt es nur einmal auf der Welt. Aber darum geht es hier gar nicht. Die Beiden haben ein ganz anderes Problem:
„Wo treiben wir denn jetzt schnellstmöglich noch ein zweites Boxshorn auf? Du kannst sonst nicht an dem Wettkampf teilnehmen.“, piepst Mila.
Thea kramt in ihrer Sporttasche nach einem Bündel Papier und holt es hervor. Auf der Titelseite steht in fetten Buchstaben geschrieben:
„Der große Kuh-Gürtel vom Heinrichsthal“
Darunter steht „Regelwerk des Sommer-Kuh-Boxkampfes 2026“.
Thea sucht die Seite, auf der die Voraussetzungen der Teilnahme stehen.
„Hier steht es schwarz auf weiß, Mila:
Am großen Preis von Heinrichsthal sind alle Kühe zugelassen, die zwei Hörner und einen Schwanz haben. Die sogenannten „Boxhörner“ sind vor jedem Wettkampf zu messen. Gemessen wird vom Ansatz des Horns am Kopf bis zur Spitze. Dabei wird eine Gerade gezogen. Die Krümmung und der Umfang der Hörner spielen keine Rolle. Die Daten sind vor Wettkampf-Antritt bei dem Kuh-Wettkampf-Komitee einzureichen. Kühe die lediglich ein Boxhorn rechts oder links tragen, sind vom Wettkampf auszuschließen. Sie können sich aber jederzeit eine Boxhornprothese aus Kunstharz als Ersatz aufsetzen. Die 1. KBL (Kuhboxliga) empfiehlt die genormten Boxhörner von „Bimbels Boxhornshop“ mit Echtheitszertifikat.“
Eine traurige Thea
Thea legt die Blätter beiseite. Sie schlürft zum Spiegelschrank über dem Waschbecken in der Umkleidekabine. Ihre Augen erblicken eine fitte, aber traurige Kuh mit nur einem Boxhorn. Das andere Horn hat sie vor langer Zeit verloren. Dabei hat sie sich nur an einem Baum gekratzt und plumps, lag es auf dem Boden.
Monate lang haben sie sich auf den Boxkampf vorbereitet. Haben Tag und Nacht trainiert. Und für die beste Schlafqualität hat sie sogar einen eigenen Schlafplatz bekommen. Und nun soll alles umsonst sein? „So ein Schlamassel aber auch“, muht Thea leise.
Milas Geistesblitz
Mila durchbricht die Stille: „Thea! Ich weiß, wo wir schnell noch ein Boxhorn auftreiben können.“ Die Maus klettert auf Theas Rücken. Gemeinsam rennen sie nun in den Laden neben der Wettkampfhalle. Hier gibt es jede Menge alten Krimskrams. Bestimmt auch ein altes Horn. Sie müssen gar nicht lang suchen. In der Mittelalterabteilung, zwischen Tonkrügen, Holzlöffeln, Lederbeuteln, Fellen und einem Spinnrad sehen sie es liegen: ein wunderschönes altes, Trinkhorn. Die beiden bewundern es. Das geht doch sicherlich auch als Boxhornersatz. Und Tatsache. Es passt auf Theas Kopf wie angegossen.
Gerade noch pünktlich zur Wettkampfansage läuft Thea mit stolzer Brust auf den Boxring zu. Mit ihren Boxhandschuhen, der Kuhboxhose und ihren Boxhörnern sieht sie einfach großartig aus. Und so fühlt sie sich auch: einfach PHÄNOMENAL.
Beinahe mühelos gewinnt Thea gegen alle anderen Kühe. Aber selbst, wenn sie den Wettkampf nicht gewonnen hätte, ihr größter Gewinn ist ihre Freundin Mila, die niemals aufgibt.
Vom Boxhorn zum Bockshornklee
Erschöpft steht Thea in der Mitte des Boxrings. Der Ringsprecher spricht mit feuriger Stimme in das Mikro: „Einen tosenden Applaus für die lebende Milchkuh-Legende und die Gewinnerin des großen Kuh-Gürtels vom Heinrichsthal: THEAAAAA“. Jetzt reißt er Theas Arm in die Luft. Die Kuh bekommt den schweren Gewinner-Gürtel umgehängt. Tosender Beifall, Rasseln, Tröten und Trompeten erklingen. Noch einmal spricht der Sprecher: „Und hier, liebe Thea, erwartet dich dein Gewinn: ein gigantischer Heinrichsthaler Bockshornklee Käse.“ Die Kuh blickt nach oben. Ein monströser Käse wird von der Sporthallendecke hinabgelassen. Er dreht sich sanft um sich selbst. Scheinwerferlicht lässt den Käse erstrahlen. Am Rand steht die Maus mit offenem Mäulchen. Sie kann es nicht glauben. Thea winkt Mila herbei und ruft ihr zu: „Überraschung, der Käse ist für dich!“ Mila hat Tränen in den Augen. Dann knabbert sie ein Loch in den Bockshornklee-Käse und verschwindet darin.
Bockshornklee-Käse
„Mila aufwachen. Mila!“. Die Maus blinzelt. Na so etwas. Das ist doch Theas sanftes Muhen. Jetzt erkennt Mila das freundliche Gesicht ihrer großen Freundin. Das Mäuschen streckt sich ausgiebig und schmatzt dabei genüsslich. Noch immer kann es die fein nussige Note des Bockhornklee-Käses auf der Zunge schmecken. „Och nö! Thea, ich möchte noch nicht aufstehen. Ich hatte den verrücktesten Traum. Das wirst du mir nicht glauben!“, piepst sie und schmunzelt dabei. Thea lacht: „Schau mal was dir der Bauer gebracht hat. Eine ganze Scheibe Heinrichsthaler Käse mit Bockshornklee.“
Jetzt ist die Maus hellwach. „Ich bin im Käse-Bockshorn-Himmel“, grinst sie über beide Ohren.
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