Es ist bereits September. Noch ist es warm. Aber die Schatten werden langsam länger und die ersten Blätter schütteln ihr saftiges Grün ab und tauschen es gegen Orange, Rot oder Braun. Der nächste Jahreszeitenwechsel kündigt sich an. Die meisten Tiere im Stall sind von dem Naturschauspiel nur wenig beeindruckt. Sie verharren genügsam der Dinge und sind glücklich über ein trockenes Plätzchen im Stroh und frisches Futter.
Mila entdeckt Fußspuren
Unsere liebe Mila hingegen weiß ganz genau, was draußen in der Natur vor sich geht. Sie nimmt jede kleine Veränderung wahr. Aber heute hat sie dafür keine Zeit. Das Mäuschen ist schon wieder auf Achse. Das Köpfchen zu Boden gesenkt, inspiziert es den Stallboden. Dort hat es etwas entdeckt: Fußspuren.
Mila kniet sich an den Rand des Fußabdrucks. Hier stimmt doch etwas nicht. Die Abdrücke sind klein aber irgendwie auch groß. Vielleicht eher so mittel. Jetzt will Mila es ganz genau wissen: Sie legt sich in den Abdruck hinein. Er ist ein klein wenig größer als die Maus. Wer hat bloß solche Füße?
Und als sie da so liegt und überlegt, erschnüffelt sie einen bekannten Geruch. Es riecht nach Käse. Und wieder stellt sich die Maus die Frage: Wer hat bloß solche Füße? Solche Käsefüße. Ist es eine Gans? Oder ein Schnabeltier? Ein Schweinchen? Oder ist es Gustav, die Gurkenrettermaus? Flitzi, das Eichhörnchen?
Jetzt setzt sich das Mäuschen auf und entdeckt dabei weitere Abdrücke. Sie nimmt die Verfolgung auf. Die Spur führt sie direkt zu ihrer kleinen Schatzkiste. Ziemlich schnell fällt ihr Blick auf die große Lücke darin.
Die Murmeln! Sie fehlen! Jetzt ist guter Rat teuer.
Thea & Mila starten ein Verhör
Schnurstracks flitzt die Maus rüber zu ihrer großen Freundin Thea. Aber auch die kluge Milchkuh weiß keine Antwort. Doch sie hat eine Idee. Jetzt ist Detektivarbeit gefragt.
Und so rufen Thea & Mila ein Stalltier nach dem anderen zusammen und starten ein Verhör.
„Was habt ihr gesehen? Was habt ihr gehört?“, will die Maus wissen. „Wo sind meine Glitzermurmeln?“
Auch das hilft nichts. Niemand weiß etwas. Allerdings geht mit dem Schweinchen Berti die Fantasie durch. Berti behauptet felsenfest, Außerirdische hätten die Murmeln genommen. Thea und Mila bleiben davon jedoch unbeeindruckt. Doch dann, das glaubt ihr nicht, präsentiert sich der Dieb wie auf einem Silbertablett selbst.
Der Murmeldieb zeigt sein Gesicht
Jeder kann es sehen. Es ist eine Elster, die auf Stelzen durch den Stall stackst. Ein ulkiges Bild. Unten an den Stelzen sind silberne Füße montiert. Es sind dieselben Füße, wie sie der Fußabdruck abbildet. Die Elster legt behutsam die Murmeln zurück in das Schatzkästchen.
„Hey du!“ ruft Mila. „Was machst du denn da?“
Die Elster verliert vor Schreck die Fuß-Stelzen, kann sich aber geschickt durch zwei bis drei Flügelschläge in die Luft retten. Der Vogel verbeugt sich, holt tief Luft und beginnt zu erzählen:
„Ich bitte vielmals um Verzeihung. Ich habe mir die Murmeln für mein neues Projekt geborgt. Und weil Elstern allgemeinhin als diebisch gelten, wollte ich mit den Käsefußabdrücken etwas Verwirrung stiften, damit mir niemand auf die Schliche kommt und mich zu Unrecht verurteilt.“
Plötzlich beginnt die Elster jämmerlich zu schluchzen. „Wisst ihr, mit den Käsefußstelzen kann ich sein, wer ich will, und mir die Dinge genau ansehen. Ganz aus nächster Nähe. Und manchmal borge ich mir eben Sachen aus. Aber ich bringe sie immer zurück! Ich schwöre! Ich bin keine Diebin!“
Mila blickt verwirrt Thea an und zum ersten Mal seit langer Zeit ist unser Mäuschen sprachlos.
Thea ergreift das Wort: „Ich denke, ich spreche hier für alle, wenn ich sage: Bitte beruhige dich erst einmal, kleine Elster. Und dann kannst du uns gern erklären, warum du denn überhaupt die Murmeln mitgenommen hast?“
Die Elster scharrt verlegen mit ihren Krallen auf dem sandigen Stallboden: „Die Glitzer-Murmeln habe ich schon vor langer Zeit entdeckt. Manchmal, wenn die Sonne richtig steht und die Schatzkiste offen ist, reflektieren die Murmeln das Licht und zerstreuen es in die schönsten Farbwellen.“
Die Elster bekommt wieder feuchte Augen – aber jetzt vor Freude: „Das Licht sieht so unglaublich magisch und wundervoll aus. Ihr müsst wissen: ich bin eine Künstlerin. Mein Plan war es, das Lichtspiel mit Wasserfarben abzumalen. Aber es dauerte eben länger als gedacht. Deshalb habe ich die hübschen Murmeln kurz mitgenommen. Ich dachte, niemand bemerkt es.“
Die Künstlerin mit Käsefüßen
Mila sitzt ganz still da. Sie kann die Elster gut verstehen. Die Maus hat selbst ein künstlerisches Gemüt und erfreut sich jeden Tag an den kleinen großen Freuden des Lebens. Ein Lichtspiel an den Wänden gehört definitiv dazu. Sie räuspert sich und sagt sanft: „Aber liebe Elster, du hättest doch einfach nach den Murmeln fragen können. Liebend gern hätte ich sie dir geborgt.“
Jetzt erblickt Thea die Stelzen. „Was hat es eigentlich mit deinen Fußstelzen auf sich und wieso sagst du immer Käsefüße?“ Die Elster erklärt, dass sie die Käsefüße drüben von Heinrichsthaler hat. Den Käse hat sie mit Alufolie umwickelt, damit sie die Käsefüße später noch futtern kann. „Wollt ihr von dem Käse naschen?“
Und so sitzen am Ende alle gemeinsam zusammen. Lachend, schmatzend verfangen sie sich in neue Kunstprojekte und Tagträume – so groß, dass es fast zwei Leben bräuchte, um sie alle zu realisieren.
